Minimalist black and white photograph of a delicate flower, showcasing natural beauty.

Wenn Frauen im Wechsel ihre Mutter verlieren

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Wenn Frauen im Wechsel ihre Mutter verlieren – oder pflegen

Wir sprechen viel über den Wechsel als hormonellen Umbruch. Was wir aber oft nicht ansprechen ist, dass genau zu dieser Zeit, viele Frauen ihre Mutter verlieren, oder beginnen, sie zu pflegen. Zwei Übergänge, die altersbedingt fast zwangsläufig zusammenfallen, und über die trotzdem kaum geredet wird.

Solche Übergänge gehören zu den Themen, die mich in meiner Arbeit rund um Abschied, Verlust und Erinnerung immer wieder begleiten.

Zwei Übergänge, die sich altersbedingt überschneiden

Mitte vierzig, Anfang fünfzig, oft auch mit sechzig verändert sich der eigene Körper sich spürbar. Der Zyklus wird unregelmäßig, man ist mitten im eigenen Umbruch. Zur selben Zeit werden die eigenen Eltern alt. Rein rechnerisch ist das keine böse Fügung, sondern schlicht Biologie. Wer mit Anfang oder Mitte zwanzig Kinder bekommen hat, erlebt genau in den eigenen Wechseljahren, wie die Elterngeneration ins hohe Alter kommt.

Für manche Frauen bedeutet das, sie pflegen ihre Mutter, organisieren Arzttermine, übernehmen Anträge, sitzen abends am Bett, während sie selbst kaum schlafen, weil die eigenen Hormone verrücktspielen. Für andere bedeutet es, dass die Mutter bereits gestorben ist. Der Verlust trifft mitten in eine Phase, in der man ohnehin schon dünnhäutiger ist. Beides ist erschöpfend. Beides bekommt aber selten den Raum, der ihm zustehen würde, weil „Wechseljahre“ in unseren Köpfen meist nur mit Hitzewallungen verbunden wird, nicht mit Pflege und Abschied.

Wir sind nicht nur Mütter. Wir sind auch Töchter.

Wir reden ständig darüber, was Frauen für andere sind: Mutter, oft schon Großmutter, Stütze der Familie, Ansprechpartnerin für alle. Was dabei untergeht, wir sind auch Töchter und irgendwann, meist genau in dieser Lebensmitte, verlieren wir die Frau, die uns diesen Platz überhaupt erst gegeben hat, oder erleben mit, wie sie ihn Stück für Stück verliert.

Mit Mitte fünfzig, mit sechzig, hätte man die eigene Mutter oft noch so gern gefragt: „Wie war das bei dir, als die Kinder ausgezogen sind? Wie hast du das mit deinem Körper gelöst?“ Diese Fragen bleiben unbeantwortet, sobald die Mutter nicht mehr da ist oder selbst nicht mehr antworten kann. Und genau dann merkt man erst, wie viel Halt diese Beziehung eigentlich gegeben hat, auch wenn sie kompliziert war.

Wenn die Mutter geht, wird sie zu jemandem, den wir nicht mehr anrufen können, nur noch in uns tragen.

Die doppelte Rolle, die niemand ausspricht

Man ist Tochter und gleichzeitig Mutter oder Großmutter. Für die eigenen Kinder soll man die Stabile sein, die Orientierung gibt. Gleichzeitig trauert man um die eigene Orientierung, die gerade verloren geht, oder man verbringt die Nachmittage im Pflegeheim statt bei den Enkeln. Diese beiden Rollen laufen selten getrennt, meistens gleichzeitig, am selben Küchentisch, in derselben Woche.

Das ist auch der Grund, warum diese Erschöpfung oft leise bleibt. Man funktioniert weiter als Mutter, als Großmutter, als die, die alles zusammenhält und die eigene Tochter-Trauer, die eigene Pflege-Erschöpfung bekommt kaum einen Platz. Niemand fragt wie es dir eigentlich damit geht, dass du deine Mama gerade verlierst, oder sie gerade wäschst und anziehst?

Was bleibt: die eigenen Ahninnen weitertragen

Es muss nicht das eine große Ritual sein. Manchmal reicht es, sich bewusst hinzusetzen und aufzuschreiben, was man von der Mutter noch weiß – Sätze, Gesten, Rezepte, Haltungen. Manchmal hilft ein fester Platz für sie: ein Bild, ein Datum im Jahr, ein kurzes Innehalten.

In der psychosozialen Arbeit begegnet mir dieses Thema oft über das Systembrett. Frauen stellen ihre Familie, ihre Ahninnen, ihre offenen Themen sichtbar auf und merken dabei, wie viel sie unbewusst mittragen, auch von Müttern und Großmüttern, die längst nicht mehr leben. Das ersetzt keine Aufstellungsarbeit im engeren Sinn, aber es zeigt oft schon sehr deutlich, wir tragen unsere Ahnen mit uns, ob wir wollen oder nicht. Die Frage ist nur, ob wir bewusst hinschauen oder es einfach weiterschleppen.

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